M-HK-2013-01

Schon die zweite seiner „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ führt Theodor Fontane in den Spreewald. In der „Preußischen Zeitung“ veröffentlicht, trifft die Beschreibung seiner Tour auf ein interessiertes Publikum, auf Leser, die das neue Format des Schriftstellers begierig aufnehmen und nach neuesten Nachrichten lechzen.

Im Labyrinth der Spreekanäle

Bilder aus einer privaten Cottbuser Kunstsammlung

11. Oktober 2020 bis 21. November 2020

Fontane ist nicht der erste prominente Besucher in dieser Wasser-Wald-Wunder-Welt. Schon der preußische König Friedrich Wilhelm IV. unternimmt 1842 eine Kahnpartie von Lübbenau bis Burg – und man höre und staune – von dort weiter mit dem Kahn bis nach Peitz. Ja, bis Peitz, das geht damals noch ohne Probleme, denn mit dem Kahn wird Raseneisenstein von den Burger und Werbener Wiesen zum Hüttenwerk Peitz verfrachtet. Und der Spreewald, das sind nicht nur Burg, Leipe, Lehde, Lübbenau und Lübben. Der Spreewald fängt mit den Lasszinswiesen östlich von Peitz an und endet nördlich hinter Schlepzig. Der König will die Peitzer Festung besichtigen, denn er hat ein Faible für „vaterländische Altertümer.“  Zur Erinnerung an seine Reise erwirb der König später zwei Gemälde von Adolf Burger, nämlich „Tauffahrt im Spreewald“ und „Abschied der Rekruten im Spreewald“. Auch andere Künstler greifen diese Motive auf. Die Maler haben längst den Spreewald entdeckt, denn es gibt in der Mitte des 19. Jahrhunderts bereits ein kaufwilliges Publikum, das interessiert ist an wilder Romantik, ethnographischen Besonderheiten, Exotik und Ursprünglichkeit. Mit dem Bau der Eisenbahnstrecke Berlin-Cottbus-Görlitz kommt dann der Spreewaldtourismus so richtig in Gange. Und mit den Tausenden Besuchern entsteht auch ein Bedarf an Gemälden. Schließlich will man, so man kann, zeigen, wo überall man gewesen war – eben auch im sagenhaften Spreewald.
Der erste namhafte Künstler im Spreewald ist der Dresdener Christian Gottlob Hammer (1779 – 1862). Im Auftrag der Grafen zu Lynar in Lübbenau fertigt er eine große Reihe zarter Aquarelle, aber auch mit teurer Sepiatusche ausgeführte Zeichnungen. Eine ganze Suite davon wird noch heute in der Familie der Lynars bewahrt. Ihm folgt Adolf Burger (1833 – 1876). Werke beider Künstler sind sehr selten, eigentlich auf dem Kunstmarkt gar nicht zu haben. Im Wendischen Museum Cottbus befinden sich aus Cottbuser Vorkriegsbestand zwei Arbeiten von Hammer und von Adolf Burger: „Missionsfest in Burg“ und „Begräbnis bei den Wenden in Burg“.
Doch nun zu den ausgestellten Künstlern. Mit einem leicht abgewandelten Zitat von Friedrich Schiller (Die Kraniche des Ibykus) könnte man fragen: „Wer kennt die Künstler, nennt die Namen?“ Und die Antwort wäre – niemand. Eine Vielzahl von Künstlern hat auch im Spreewald gemalt, angelockt von der Exotik, der Romantik, der Stille. Bekannter Anziehungspunkt war das Logierhaus in Lehde, das jeden Sommer von Malern aller Schattierungen bevölkert wird. Wir kennen sie nicht, die alle kamen und malten, malten und wieder weiterzogen.

Bilder aus dem Spreewald, zumeist unter ethnographischen Aspekten, besitzen nur das Sorbische Museum Bautzen und das Wendische Museum Cottbus. Das Generalthema hat aber auch ein Cottbuser Privatsammler zu einem Schwerpunkt seiner Sammlung gemacht. In dieser Kategorie ist sie die umfangreichste Sammlung überhaupt. Im Rahmen dieses Kataloges können nur einige Künstler genannt werden. Wer mehr wissen möchte, dem sei ein umfangreicher Aufsatz empfohlen: Bilder einer Landschaft – eine private Cottbuser Kunstsammlung. In: Jahrbuch „NIEDERLAUSITZ Zwanzig-Zwanzig“. Lesebuch aus Geschichte und Gegenwart der Niederlausitz. Hrsg.: Jürgen Heinrich und Jens Lippsdorf. Cottbuser General-Anzeiger Verlag, Cottbus 2019.
Zu den Stars der Spreewaldmalerei gehört zweifellos Adolf Chevalier, geboren 1831 in Crossen an der Oder (heute in Polen: Krosno) und Schüler der Preußischen Akademie der Künste zu Berlin. Der Künstler findet seine Motive dort, wo sich die ersten Hotspots des Tourismus herausbilden: am Rhein und am Neckar ebenso wie in Italien und den Alpen, an der Nordsee und am Atlantik. Und eben auch im Spreewald. Chevalier bedient ein bürgerliches Publikum, dass sich die Erinnerungen an eine Reise bewahren will, dass natürlich auch seinen Besuchern präsentieren will, was es alles gesehen hat. Mit der Ausbreitung des Massentourismus seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts erfüllen diese Funktion Kunstwerke unterschiedlichster Qualität, für die meisten Touristen reichen allerdings auch Ansichtskarten.
Ebenso wie Chevalier gehören Bilder von Guido Hampe, geboren 1839 in Berlin und dort verstorben 1891, zu den geschätzten Werken des Sujets „Spreewald“. Der Künstler ist seit der Mitte des 19. Jh. in ganz Europa unterwegs. Er malt in Thüringen und im Schwarzwald, an vielen Orten in den Alpen, in Spanien, Italien und Griechenland. Hampe gehörte zu den erfolgreichen Malern seiner Zeit, stellt in Berlin, Dresden und Frankfurt/Main aus. Seine Bilder werden gesucht und gekauft, und so ist das bis heute. Der älteste in der Reihe der frühen Maler im Spreewald ist sozusagen ein Eigengewächs. 1834 wird in Lübbenau Max Carl Krüger geboren. Er besucht die Kunstschulen in München und Weimar und lässt sich in Dresden nieder. Seine bekanntesten Arbeiten, detailreiche Zeichnungen, veröffentlicht er 1878 – vervielfältigt in dem „Spreewald-Album“. Krüger stirbt 1880 in Dresden. In der Sammlung ist ein zauberhaftes Aquarell vorhanden, eine romanti- sche Landschaft, unter einem leuchtenden Abendsonnenhimmel. Eine Szenerie mit Fischer, Boot, Netzen und einer Reuse im Vordergrund. Krügers Gemälde waren so beliebt, dass dem Vernehmen nach sogar Kaiser Wilhelm II. eines besaß – es hing im Berliner Schloss auf der Toilette.
Wie bisher genannt, kommen vor allem Künstler aus den nahen Residenzen Berlin und Dresden. Doch der Ruf des Spreewaldes zieht auch Künstler von weither an. Natürlich überwiegen vor allem die etwas klischierten Darstellungen von Blockhäusern, Heuschobern und Kähnen. Jedoch gibt es auch weniger touristentaugliche Motive, umso seltener und hoch interessanter. Gerade dafür gibt es in der Cottbuser Privatsammlung erstaunliche Beispiele. So malt etwa August Lemmer (1862 – 1933) aus Karlsruhe einen fast monochromen Spreewaldkahn im Schilf. Der Schweizer Künstler Jacques Matthias Schenker (1854 – 1927) bringt 1896 den „typischen“ Spreewald in den vier Jahreszeiten auf die Leinwand. Schenker ist in der Cottbuser Privatsammlung dreifach vertreten. Am bemerkenswertesten davon ist ein mit vertrocknetem Schilf bestandenes Moor. Man käme kaum auf die Idee, das als „Spreewald“ zu benennen, doch es ist signiert und bezeichnet mit „Bischdorf“, heute ein Stadtteil von Lübbenau.
Die große Zeit der Spreewaldmalerei liegt zwischen 1890 und 1930. Aus der Vielzahl der Künstler ragen einige „Großmaler“ heraus, die vor allem aus Berlin kommen. Wir denken da insbesondere an die auch heute noch hoch geschätzten Walter Moras (1856 – 1925) und seinen Sohn Bruno (1883 – 1939), an Ernst Lorenz Murowana (1872 – 1950) und Richard Eschke (1859 -1944). Zu nennen wäre noch ein weiteres Vater/Sohn/Paar: Max und Georg Fritz. Bemerkenswert, dass auch Malerinnen in dieser Männerdomäne vertreten sind: Marie Moritz, geboren 1860 in Lübben, und Gertrud Stechow (1858 – 1941) – beide Berlinerinnen – sind mit mehreren Werken in der privaten Cottbuser Kunstsammlung vertreten. Aber auch weiterhin finden Künstler aus ganz Deutschland im Spreewald ihre Motive. Genannt seien nur der Magdeburger Moritz Rusche, der Münchener Carl Ebert, Eduard Rouge aus Darmstadt und Fritz Kühne aus Leipzig, vor 1918 in Russland ansässig. Zur jüngeren Generation gehört der Bayer Egbert Patzig (1909-1988), von dem zwei wunderbare Aquarelle zu sehen sind. In diese Generation einzuordnen sind auch Werner Tübke und Herbert Tucholski. Von dem früher zum Cottbuser Künstlerverband gehörenden Georgios Wlachopoulos (*1939) stammt eine ganze Suite von Spreewald – Radierungen. Und nicht zu vergessen die Cottbuser Frank Merker (1944- 2008), Günther Rechn (*1944) sowie Dieter Zimmermann (*1942).           

S. Kohlschmidt

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